Ökumenisches Bibelgespräch digital

Ökumenisches Bibelgespräch 2021 (18)

 

„Menschensohn“  -   Lukas 12,4-9

 

 

Das Lukas-Evangelium weiß: Die Zeit dehnt sich. Es braucht daher einen langen Atem, den Weg zu gehen, zu dem es einlädt. Das liegt nicht nur daran, dass sich dehnende Zeit einschläfern kann. Es gibt auch äußere Nöte, die gefährlich werden können. Als Lukas schreibt, waren schon viele Christen in den Gärten des Nero (am Vatikan) zu Tode gekommen! Zu schweigen von den Pogromen gegen jüdische Gemeinden, von denen die späten Bücher des Alten Testamentes berichten. - Der Weg des Glaubens, von dem die Bibel spricht, kann Leib und Leben kosten...

 

4 Euch aber, meinen Freunden, sage ich: Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, euch aber sonst nichts tun können. 5 Ich will euch zeigen, wen ihr fürchten sollt: Fürchtet euch vor dem, der nicht nur töten kann, sondern die Macht hat, euch auch noch in die Hölle zu werfen. Ja, das sage ich euch: Ihn sollt ihr fürchten. 6 Verkauft man nicht fünf Spatzen für ein paar Pfennig? Und doch vergisst Gott nicht einen von ihnen. 7 Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt. Fürchtet euch nicht! Ihr seid mehr wert als viele Spatzen. 8 Ich sage euch: Wer sich vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem wird sich auch der Menschensohn vor den Engeln Gottes bekennen. 9 Wer mich aber vor den Menschen verleugnet, der wird auch vor den Engeln Gottes verleugnet werden.

                                     Lukas 12,4-9

 

Die Sprache Jesu in diesen Versen ist ausgesprochen nüchtern; einmal grenzt sie ans Sarkastische („Töten können die, aber mehr auch nicht!“). Auch vom Vertrauen wird in einer Sprache gesprochen, die eingänglicher nicht sein kann, fast kindlich naiv - nichts Schlimmes kann passieren!

 

Aber dann heißt es übergangslos: Diese Geborgenheit ergibt sich nicht von selbst, auch nicht aus glücklichem Selbstvertrauen! Sie stammt aus einem Bekenntnis: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (so im Mund des Petrus in der Apostelgeschichte 5,29). - In diesem Zusammenhang begegnen in unseren Versen zwei Worte von großem Gewicht:

 

Das erste: „Gottesfurcht“. „Fürchtet euch vor dem, der nicht nur töten kann, sondern die Macht hat, euch auch noch in die Hölle zu werfen...“. Das klingt nach Willkür und Obrigkeit. Es sind Worte, die vielfach missbraucht wurden. Worte haben ihr Schicksal, aber sie bleiben unverzichtbar.

 

„Gottesfurcht“ hat nichts zu tun mit angstbesetzter Unterwürfigkeit! Im Blick steht eine Haltung, die weiß und bekennt: Du Gott, bist größer als ich, ich weiß es. Aber ich weiß auch: ich bin immer in Gefahr, dich nach meinem Bild, nach meinen Wünschen zu entwerfen. Ich bitte dich: Schütze mich vor mir selber! - Der biblische Glaube sieht den Menschen getragen von der Liebe und Gnade Gottes, aber gerade dadurch befähigt zu ernster Verantwortung....

 

Das zweite Wort: „Menschensohn“. Es ist ein besonders kostbares Wort. Es begegnet nur in den vier Evangelien und nur im Munde Jesu! (Eine Ausnahme - Apostelgeschichte 7,56)  Es ist das Wort, mit dem Jesus von sich selber spricht. Es war nicht belastet mit politischen Erwartungen (wie z.B. „Messias“). Es bedeutet zunächst einfach „Mensch“ - also Mensch unter Menschen. Wie dieser Mensch Mensch unter Menschen ist, lebt Jesus vor: „suchend und rettend, was verloren ist“ (Lk 19,10) / „er ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben für viele“ (Mk 10,45). In unseren Versen wird diese Art, Mensch zu sein, zum Maßstab des letzten Urteils über Gelingen oder Nichtgelingen des Lebens vor Gott! Anders gesagt: Richter wird der sein, der sein Leben für die gegeben hat, für die er Richter ist!

 

(Im Hintergrund der Gestalt des „Menschensohnes“ stehen wohl Worte des Buches Daniel im AT, die von „tierischen“, d.h. von gewalttätigen Gesellschaften sprechen...  Dagegen erscheint einer „wie ein Menschensohn“ - Repräsentant einer anderen Gesellschaft - des „Reiches Gottes“.)

 

 

Wo immer das Wort „Menschensohn“ in den Evangelien begegnet, sagt es: Schau ihn dir an, diesen Menschen: seine Art zu leben, zu sprechen, Widerstand zu leisten gegen Anmaßung und Gewalt, seine Art zu sterben - schau ihn dir an und du siehst das Bild, das Gott, dein Schöpfer, vom Menschen hat. Versuche, ihm ähnlich zu werden - Mensch unter Menschen...

 

Fragen, die naheliegen: Was beeindruckt besonders an der Art Jesu, mit den Menschen zu leben? Welche Fragen würdest du ihm stellen, wenn du ihm heute begegnetest? Was befremdet dich eher? Warum?

 

Klaus Gräve  MSC

(für telefonische Rückfragen und Anregungen:   02501-449411)