Ökumenisches Bibelgespräch

Daniel 11,33-35; 12,1-3   -  „Blick über die Grenze“

 

Immer wieder werden Stimmen laut, die klagen: Die Bibel spricht zuviel von Kriegen und Gewalt! -

Es liegt nahe, zu antworten: Es war damals also nicht anders als heute. Oder anders gesagt: Die

Heiligen Schriften leben nicht an der realen Welt vorbei. Sie spiegeln auf Schritt und Tritt, „was der

Fall ist“: nämlich Unrecht und Gewalt, bittere Not und Jammer, und dazu die immer gegenwärtige Versuchung, einfach mitzuschwimmen im Strom dieser unheilen Welt.

 

Wie in solcher Zeit zu leben ist - verzweifelt und doch getrost,  das will sie zeigen - diese „Heilige Schrift“. Die Verse des Daniel-Buches, die wir vor uns haben, gehören in diesen Zusammenhang.

 

11,33 Die Verständigen im Volk bringen viele zur Einsicht; aber eine Zeitlang zwingt man sie nieder mit Feuer und Schwert, mit Haft und Plünderung. 34 Doch während man sie nieder-

zwingt, erfahren sie eine kleine Hilfe; viele schließen sich ihnen an, freilich nur zum Schein.

35 Aber auch manche von den Verständigen kommen zu Fall; so sollen sie geprüft, geläutert und gereinigt werden bis zur Zeit des Endes; denn es dauert noch eine Weile bis zu der bestimmten Zeit.

12,1 In jener Zeit tritt Michael auf, der große Engelfürst, der für die Söhne deines Volkes eintritt. Dann kommt eine Zeit der Not, wie noch keine war, seit es Völker gibt, bis zu jener Zeit. Doch dein Volk wird in jener Zeit gerettet, jeder, der im Buch verzeichnet ist. 2 Von denen, die im Land des Staubes schlafen, werden viele erwachen, die einen zum ewigen Leben, die anderen zur Schmach, zu ewigem Abscheu. 3 Die Verständigen werden strahlen, wie der Himmel strahlt; und die Männer, die viele zum rechten Tun geführt haben, werden immer und ewig wie die Sterne leuchten.

 

Vor Augen kommt die Zeit der Jahre 175-164 v.Chr. in Jerusalem und Umgebung: fremde Truppen haben die Stadt und das Land besetzt / der Tempel wird entweiht / fremder Kult und fremde Sitten werden aufgedrängt ... Die sog. Makkabäer-Bücher berichten davon ausführlich in schrillen Farben ... Von „kleiner Hilfe“ ist die Rede (11,34) - gemeint ist wohl: Angesichts des Ausmaßes des Unheils greift alle irdische Hilfe zu kurz - auch der Aufstand der Makkabäer! Es ist „Endzeit“ - der Blick muss über diese Welt hinausgehen! - Hier fallen zwei Stichworte, die in die Weite führen.

 

Zunächst: Von „Michael“ ist die Rede, dem „ großen Fürsten“, gemeint ist der „Schutzengel“ Israels. Sein Name „spricht“:  „Wer ist wie Gott“! Es ist ein Protestruf - Protest gegen alle Anmaßungen, wie immer sie sich zeigen - etwa in Gestalt von Herrschern, die unterdrücken und Gewalt antun, oder anderer Dinge dieser Welt und auch des eigenen Herzens, die Angst einflößen und besetzen ... „Wer ist wie Gott“ - eine Kurzformel des Glaubens, „Gott allein genügt“, ist „einzig“ (vgl. Deuteronomium 6,4). Was wir „Monotheismus“ nennen - Glaube an den einen Gott, zeigt sich hier als Trotz und Widerstand gegen alles, was besetzen und vergewaltigen will - in schlimmer Zeit.

 

Sodann: „von denen, die im Lande des Staubes schlafen, werden viele erwachen“ (12,2) - könnte das die Konsequenz sein von „Michael“: Wenn nur einer „einzig“ ist, dann hat auch der Tod nicht mehr die Macht des letzten Wortes ..,

 

Manche sagen: Hier hat Israel zum erstenmal von einem Leben über den Tod hinaus gesprochen. Das scheint mir - so pauschal - der Sache nicht gerecht zu werden. Es gibt im Buch der Psalmen (also in den Gebeten Israels!) Worte, die ein Vertrauen bezeugen, das alle Grenzen des Todes übersteigt - z.B.: „Deine Huld ist besser als das Leben“ (Ps 63,4) oder „Du hälst mich an meiner Rechten ... und nimmst mich am Ende auf in Herrlichkeit“ (Ps 73,24).

 

Wahr ist aber: Im Vergleich etwa mit der Sorge um den Tod und die Toten, wie wir sie aus der benachbarten Kultur Ägyptens kennen (die Pyramiden sind Grabhügel!), war Israel lange Zeit überraschend wortkarg und „sorglos“ im Umgang mit den Toten (soweit wir das aus dem Alten Testament entnehmen können!). Die Aufmerksamkeit galt  d i e s e m  Leben im Angesicht Gottes!

 

Jetzt, in der Zeit, die unser Text spiegelt, passiert es zum erstenmal, dass Juden wegen ihres Glaubens an diesen Gott zu Tode kommen. Da erhält der Tod ein anderes Gewicht, er „bekommt mit Gott zu tun“ - Die Frage drängt sich doch auf: Wie treu ist Gott gegenüber denen, die um seinetwillen treu sind bis in den Tod! Und sie findet eine Antwort - tastend und lernend. In den Makkabäer-Büchern bekommt das noch weiteren Raum (vgl. bes. 2 Makk 7,9ff).

 

Unsere Verse sprechen also vorsichtig an, was dann in Israel mehr und mehr zur Überzeugung wird: Die Macht des Todes hat ihre Grenze an der Macht des Schöpfers .... Das Neue Testament spricht dann stahlend und voller Freude von dem Gott, „der die Toten lebendig macht, und das, was nicht ist, ins Dasein ruft“ (Röm 4,17).

 

Kurz: Die Verse des Daniel-Buches gehören zu all dem, was den geistigen Raum geprägt hat, in dem das Christentum entstand.

 

Fragen, die kommen können:

  1. Israel lernt die Weite seines Glaubens kennen in der Auseinandersetzung mit dem, was begegnet und herausfordert. - Siehst du vergleichbare Herausforderungen heute - für dich, für die Kirche als ganze? (z.B. Diaspora-Situation / Begegnung mit anderen Religionen / die Selbstverständlichkeit demokratischer Gesellschaftsordnung ...)
  2. Welche Situation unserer Zeit scheint dir das Leben aus dem Glauben am stärksten anzufragen? Wie reagierst du?

Klaus Gräve  MSC