Ökumenisches Bibelgespräch

Ökumenisches Bibelgespräch 2022 (4)

 

Nebukadnezars Feuerofen“  -   Daniel 3,1-27

 

„Aus dem glühenden Feuerofen und aus deiner Hand, König, wird er, unser Gott, uns retten.

Und wenn nicht, so sei dir, König kundgetan, dass wir deinen Göttern nicht dienen und das goldene Standbild, das du errichtet hast, nicht verehren.“ (Dan 3,17)

 

Wie kommen Menschen dazu, so zu sprechen, wie es hier überliefert ist? - Es sind drei Männer aus der Provinz Judäa - deportiert nach Babel zur Zeit des Königs Nebukadnezar - im 6. Jahrhundert v.Chr. . Sie sprechen die Umgangssprache des Neubabylonischen Reiches - aramäisch. Sie haben Ausbildung erfahren am Hof des Königs und stehen in seinem Dienst -

anerkannt und geschätzt. Ihre Namen sind ursprünglich Hananja, Mischael und Asarja - geläufige hebräische Namen, jetzt umbenannt zu Schadrach, Meschach, Abed-Nego - Namen des fremden Landes und Volkes (vgl. dazu Dan 1).

 

Noch einmal: Wie kommen diese Männer dazu, so zu sprechen? Die Antwort ist: Sie kommen dazu, weil sie zwar bereit sind, mitzuarbeiten „zum Wohl der Stadt, in die Gott sie weggeführt hat“ (wie der Prophet Jeremia es ihnen geschrieben hat - vgl. Jer 29,7), aber nicht bereit, sich nieder-

zuwerfen vor dem Standbild, von dem es immer wieder einhämmernd heißt: „das König Nebukadnezar errichtet hatte“ (Dan 3,8 u.ö.) - das Standbild, in dem menschliche und göttliche Macht zusammenfällt und Unterwerfung verlangt.

 

Vor Augen kommt - in der Sprache des Alten Orients - der totale Anspruch des Staates und zugleich der Protest derer, die bekennen: „Höre, Israel, der HERR, unser Gott, der HERR ist einzig“ (Deuteronomium 6,5) und neben ihm sollst du „keine anderen Götter haben und dir kein Kultbild machen“. (Dtn 5,7)

 

Mehr noch: Es kommt vor Augen ein Glaube, der sagt: Diesem einen Gott gehören wir, gehören wir auch dann, wenn Er nicht das tut, was wir wünschen und gerne hätten! Er ist der Eine, dem wir vertrauen und uns überlassen.

 

Es liegt auf der Hand: Hier begegnet eine Entscheidung, die gefährlich ist - gefährlich für den, der sie für sich trifft; aber gefährlich auch für den, dem sie entgegengehalten wird: Sie weist einen Anspruch zurück, nimmt ihn nicht ernst und lässt ihn ins Leere laufen. Das erträgt dieser Anspruch nicht und seine Antwort ist:  Feuerofen!  - Wir wissen: Diese Öfen brennen seit Jahrtausenden.

 

Und es verwundert nicht, dass sie vor allem für die und gegen die angesteckt wurden (und werden), die als erste ein Ohr hatten für diesen Einen Gott und sein Bild vom Menschen, und seitdem Zeugen sind für Ihn, den Gott Israels - gegen alle Anmaßung menschlicher Macht.

 

In unserer Zeit hat Papst Benedikt XVI. von dieser Sache so gesprochen:

 

    Im Tiefsten wollten jene Gewalttätermit dem Austilgen dieses Volkes Gott töten, der Abraham

    berufen, der am Sinai gesprochen und dort die bleibend gültigen Maße des Menschseins  

    aufgerichtet hat. Wenn dieses Volk einfach durch sein Dasein Zeugnis von dem Gott ist, der zum

    Menschen gesprochen hat und ihn in Verantwortung nimmt, so sollte dieser Gott endlich tot

    sein und die Herrschaft nur noch dem Menschen gehören - ihnen selber, die sich für die Starken

    hielten, die es verstanden hatten, die Welt an sich zu reißen,

    (am 28. Mai 2006 in Auschwitz)

 

Die Erzählung vom Feuerofen Nebukadnezars steht im Buch Daniel aus dem 2. Jahrhundert v.Chr. - geschrieben unter dem Eindruck schlimmer Verfolgung in Jerusalem und Umgebung. Es sollte Mutgeben in einer Situation ähnlichen Schreckens wie damals in Babylon. Und es hat diese „Aufgabe“ erfüllt - immer und immer wieder - im gelassenen Einstehen für Gott und die unantastbare Würde seiner Menschenkinder.

 

Der Glaube Israels hat auch uns erreicht - uns, die sich nach einem nennen, der an einem römischen Kreuz starb - eine andere Form des Feuerofens ...  Und nicht wenige haben verstanden, worauf sie sich in seiner Nachfolge eingelassen haben - im Leben und Sterben - im laut ausgesprochenen Zeugnis vor den Nebukadnezars ihrer Zeit oder im stillen Alltag ihres Lebens.

 

Gelassen und manchmal lachend begegnen sie dem, was sich aufbläst und alles vereinnahmenden Anspruch erhebt - vertrauend auf die Hand des Einen, des Gottes Israels und des Vaters Jesu Christi - in den Feueröfen dieser Welt, von Menschen angezündet oder des Leids und des Todes.

 

Klaus Gräve  MSC

 

Hier finden Sie den Text als pdf

 

Daniel  3,1-97 (in Auswahl)     

1 König Nebukadnezar ließ ein goldenes Standbild machen. Es war 30 Meter hoch und 3 Meter breit. 4 Dann rief ein Ausrufer mit lauter Stimme: „Euch wird etwas befohlen, euch Menschen aller Völker, Nationen und Sprachen: 5 Ihr sollt niederfallen, ...Dann sollt ihr das

goldene Standbild anbeten, ... 6 Wer nicht niederfällt, um es anzubeten, wird noch zur selben Stunde in den glühenden Feuerofen geworfen.“

8 Einige babylonische Männer gingen zum König und erhoben schwere Vorwürfe gegen die Juden. 12  „Nun sind da diese jüdischen Männer, die du beauftragt hast, die Provinz Babylon zu verwalten: ... Diese Männer achten dich nicht, König. Sie verehren deinen Gott nicht und beten das goldene Standbild nicht an, das du hast aufstellen lassen.“

[Daniel und seine Gefährten weigern sich. Sie kündigen an:] 17 „Unser Gott, dem wir dienen, er kann uns retten. Aus dem glühenden Feuerofen und aus deiner Hand, König, wird er uns retten. 18 Und wenn nicht, so sei dir , König, kundgetan, dass wir deinen Göttern nicht dienen und das goldene Standbild ...nicht verehren.“

19 Da wurde Nebukadnezar wütend; sein Gesicht verzerrte sich vor Zorn ... 21 Da wurden die Männer, wie sie waren ... gefesselt und in den glühenden Feuerofen geworfen. 22 ...war aber der Ofen übermäßig geheizt worden und die herausschlagenden Flammen töteten die Männer, die Schadrach, Meschach und Abed-Nego hineingebracht hatten. 23 Die drei Männer aber ...

fielen gefesselt in den glühenden Feuerofen.

 

24 Doch sie gingen mitten in den Flammen umher, lobten Gott und priesen den HERRN. 25 Asarja blieb stehen ...und sprach mitten im Feuer folgendes Gebet: 26 „Gepriesen und gelobt bist du, HERR, Gott unserer Väter; herrlich ist dein Name in alle Ewigkeit. 27 Denn du bist gerecht in allem,was du getan hast. ....

43 Errette uns, deinen wunderbaren Taten entsprechend; verschaff deinem Namen Ruhm, HERR!  45 Sie sollen erkennen, dass du allein der HERR und Gott bist, ruhmreich auf der ganzen Erde.“

 

46 Die Knechte des Königs ... hörten nicht auf, den Ofen ... zu heizen. 47 So schlugen die Flammen ... hoch aus dem Ofen heraus. 48 Sie griffen um sich und verbrannten jeden Chaldäer, den sie im Umkreis des Ofens erfassen konnten.

49 Aber der Engel des HERRN war zusammen mit Asarja und seinen Gefährten in den Ofen hinabgestiegen. Er trieb die Flammen des Feuers aus dem Ofen hinaus 50 und machte das Innere des Ofens so, als wehte ein taufrischer Wind. Das Feuer berührte sie gar nicht; es tat ihnen nichts zuleide und belästigte sie nicht.

 

51 Da sangen die drei im Ofen wie aus einem Mund, sie rühmten und priesen Gott mit den Worten: 52 „Gepriesen bist du, HERR, du Gott unserer Väter, /...

 

 

...88 Preist den HERRN, ... / lobt und rühmt ihn in Ewigkeit! Denn er hat uns aus der Unterwelt entrissen /und aus der Gewalt des Todes errettet. /Er hat uns aus dem lodernden Ofen befreit,/uns mitten aus dem Feuer erlöst. 89 Dankt dem HERRN, denn er ist gütig;/ denn seine Huld währt ewig! 90 Preist alle den HERRN, ihr seine Verehrer,/ preist den Gott der Götter; / singt ihm Lob und Dank; / denn ewig währt seine Güte!“

 

 

91 Da erschrak der König Nebukadnezar; er sprang auf und fragte seine Räte: Haben wir nicht drei Männer gefesselt ins Feuer geworfen? ... 92 ... Ich sehe aber vier Männer frei im Feuer umhergehen. Sie sind unversehrt und der vierte sieht aus wie ein Göttersohn.

93 Dann ging Nebukadnezar zu der Tür des glühenden Ofens und rief: ... ihr Diener des höchsten Gottes, steigt heraus, kommt her! Da kamen ... aus dem Feuer heraus. 94 Nun drängten auch ... die königlichen Räte herbei. Sie sahen sich die Männer an und fanden, dass das Feuer keine Macht über ihren Körper gehabt hatte. ... 95 Da rief Nebukadnezar aus: Gepriesen sei der Gott Schadrachs, Meschachs und Abed-Negos. Denn er hat seinen Engel gesandt und seine Diener gerettet. Im Vertrauen auf ihn haben sie lieber den Befehl des Königs missachtet und ihr Leben dahingegeben, als dass sie irgendeinen anderen als ihren eigenen Gott verehren und anbeten. 96 Darum ordne ich an: ....Denn es gibt keinen anderen Gott, der auf diese Weise retten kann.

 

97 Darauf sorgte der König dafür, dass es Schadrach, Meschach und Abed-Nego in der Provinz

Babel gut ging.

 

Vgl. auch Daniel 6, 4-25 - Daniel in der Löwengrube

 

Daniel wird ( in einer Intrige)  in eine Löwengrube geworfen, weil er zu seinem Gott betet und fleht und so - gegen ein Dekret des Königs -  seine Bitten nicht an diesen, Darius, richtet.

 

Totalitäre Regime praktizieren das mit staatlichen Anordnungen gegen die Freiheit (des Glaubens) bis heute so.

Wie erhalte ich meine kulturelle und religiöse Identität in solchen Zeiten?

Die ersten Christen haben dies zu spüren bekommen, als sie sich dem römischen Kaiserkult verweigerten. Christen im Nationalsozialismus verloren ihre öffentlichen Ämter, als sie den Eid auf

den „Führer“ verweigerten. Christen in der DDR wurden von Studiengängen und Berufen ausgeschlossen. Daniel 6 ist keineswegs Vergangenheit. Daniel 6 ist immer, immer wieder.

 

 Daniel wird gerettet   (6,23 „Mein Gott hat seinen Engel gesandt und den Rachen der Löwen verschlossen.“).

Und der König Darius erkennt den Gott Daniels, den Gott Israels, an   (6,27 Im ganzen Gebiet meines Reiches soll man vor dem Gott Daniels zittern und sich vor ihm fürchten. Denn er ist der

lebendige Gott; er bleibt in Ewigkeit. ...28 Er rettet und befreit ...; er hat Daniel aus der Gewalt der Löwen gerettet.)

 

Wie halten wir es mit unserer persönlichen Glaubenspraxis, mit der Öffentlichkeit unseres Glaubens?

Welche Kräfte der Bedrohung und der Rettung erfahren wir in unserem eigenen Leben und

in dieser Welt? Und bringen wir das mit unserem Glauben, mit Gott in Verbindung?

KDM