Ökumenisches Bibelgespräch digital

Ökumenisches Bibelgespräch 2021 (14)

 

„Wer bist du denn!“  -  Lukas 18,9-14

 

„Wie hält der Glaube den Alltag aus?“ -  so könnte ein früher Christ den Lukas gefragt haben. Und der hat diese Frage ernst genommen. Sie wurde zu einer Art Leitfaden „seines“ Evangeliums. ...

Eine Antwort, die er gibt, heißt: Betend. Immer wieder betont er das in dem, was er erzählt. ...

Aber Lukas weiß auch: Auch Beten ist gefährdet, nicht nur der Alltag!

 

9 Einigen, die von ihrer eigenen Gerechtigkeit überzeugt waren und die anderen verachteten, erzählte Jesus dieses Gleichnis: 10 Zwei Männer gingen zum Tempel hinauf, um zu beten; der eine war ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. 11 Der Pharisäer stellte sich hin und sprach bei sich dieses Gebet: Gott, ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin, die Räuber, Betrüger,

Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner dort. 12 Ich faste zweimal in der Woche und gebe den zehnten Teil meines ganzen Einkommens. 13 Der Zöllner aber blieb ganz hinten stehen und wollte nicht einmal seine Augen zum Himmel erheben, sondern schlug sich an die Brust und betete: Gott, sei mir Sünder gnädig! 14 Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt nach Hause hinab, der andere nicht. Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, wer sich aber selbst erniedrigt, wird erhöht werden.

 Lukas 18,9-14

 

Das ist keine reale Szene, sondern ein Gleichnis - eine pointierte Kurzgeschichte, holzschnittartig, karikaturhaft. Die beiden Figuren sind das, was man überzeichnet nennt: der eine unbekümmert selbstsicher vor Gott und den anderen Menschen / der andere mit leeren Händen. ... Das Urteil Jesu überrascht nicht.

 

Mit einem Wort: Beten, das zu solcher Art von Selbstgewissheit und Anmaßung führt, ist falsch und hat schlimme Folgen. So verstanden kann das Gleichnis ein handlicher Spiegel sein: Wie gefährdet und gefährlich ist mein Beten? - Wer hätte diesen Spiegel nicht nötig!

 

Aber auch das gilt: Das Gleichnis hatte eine Wirkgeschichte und hat viel Unheil gestiftet. Der Grund liegt auf der Hand: Die Gestalt des „Pharisäers“ ist sprichwörtlich geworden - sprich-

wörtlich für Heuchler, selbstgerecht, anmaßend - und das pauschal und unversehens über-

schwappend: so sind die - die Juden. ...

 

Natürlich haben nicht alle so gedacht und geredet. Natürlich nicht. Aber nicht wenige doch - sozusagen biblisch autorisiert!

 

Bemerkenswert: Auch innerjüdisch gab es durch die Jahrhunderte Kritik an den „Pharisäern“ - also an dieser Laienbewegung aus dem 2. Jahrhundert vor Christus, der es ernst war mit der „Heiligung des Namens Gottes im Alltag“. Die Vorwürfe sind gar nicht selten ähnlich wie in den Evangelien: die Neigung, Frömmigkeit zur Schau zu stellen, gute Taten zu berechnen... Aber ganz selbstverständlich gibt es auch den Pharisäer, „der das Gute aus Liebe zu Gott tut wie Abraham“! - Es herrscht ein kritisches Bewusstsein für die Gefahren, die in jedem engagiertem Leben stecken.

 

Vor gar nicht langer Zeit hat ein Papst von „geistlichen Krankheiten“ gesprochen - etwa von der Krankheit der Selbstdarstellung auf Kosten anderer / der Krankheit des „geschlossenen Kreises“ / der Krankheit der Gleichgültigkeit gegenüber „den anderen“ / der Krankheit einer Ernsthaftigkeit, die über sich selbst nicht mehr lachen kann...  Alles Neigungen menschlich - allzu menschlicher Art - nah und fern und überall zu finden. Immer das Gegenteil von dem, was ein anderer Papst bekämpfte mit dem schönen Wort: „Johannes, nimm dich nicht so wichtig!“

 

Das Gleichnis kann zu Fragen führen wie diesen: Welche Form des Betens ist mir wichtig? Übe ich sie, so dass sie meinen Alltag prägt? Wie und wann und mit wem spreche ich darüber? Wieviel an Beurteilung anderer gestatte ich mir? Wieviel Wohlwollen ist dabei im Spiel? ...

 

Klaus Gräve  MSC

(für telefonische Rückfragen und Anregungen: 02501-449411)