„Weißt du noch damals, dieses Corona-Virus?“ Gedanken zu unserer Gesellschaft nach Überwindung der Krise (Stefan Leibold)

Der Zukunftsforscher Matthias Horx hat vor einigen Tagen Überlegungen dazu veröffentlicht, wie wir in der Zukunft wohl über die heutige Zeit denken könnten (https://www.horx.com/48-die-welt-nach-corona/). Ich teile einige seiner Einschätzungen, andere nicht. Aber das Gedankenexperiment ist zweifellos reizvoll: vorausgesetzt, die Welt geht nicht zugrunde und es findet irgendwann eine gewisse Normalisierung statt: welche Erkenntnisse könnten wir dann gewonnen haben? Wie sehen wir in einigen Jahren unsere jetzige Zeit? Das hat natürlich etwas Spekulatives. Aber vielleicht regt es Sie zum Nachdenken an-über einige Dinge, über die es sich auch im post-coronaren Zeitalter nachzudenken lohnt.

Also: Wir schreiben das Jahr 2025. In vielen Gesprächsrunden erinnert man sich an das Jahr 2020. Noch nicht lange her, aber seitdem hat sich einiges verändert. Bei einem Blick auf die Entwicklung des sozialen Lebens während dieser Zeit sind die meisten Diskutanten zwiespältig:
Nicht wenige Menschen vereinsamten noch mehr: die Alleinlebenden, die Kranken, diejenigen mit wenigen sozialen Kontakten. Aber es gab auch viele, die mit ihnen Kontakt aufnahmen, um etwas gegen die Einsamkeit zu tun.
Nach einigen Wochen lagen die Nerven bei vielen Eltern und Kindern blank: ständig hingen die Familien aufeinander, besonders die Kinder litten körperlich darunter, dass sie nicht mit anderen Kindern spielen durften und selbst Oma und Opa nicht zu Besuch kamen. Die existenzielle Unsicherheit vieler Eltern in Bezug auf ihren Job kam dazu. Besonders die, die nicht so begütert waren und nicht viel Platz in der Wohnung hatten, gingen sich ordentlich auf die Nerven. Auf der anderen Seite wurde selten so viel in den Familien geredet und gespielt. Gut, auch die Internetverbindungen ächzten unter der Vielzahl gestreamter Filme. Leider nahm auch die häusliche Gewalt, wie man schon zu Beginn der Pandemie in China beobachtet hatte, deutlich zu.
Aber die gelebte Solidarität vieler Menschen untereinander übertraf die Skepsis, die viele gehabt hatten: Offenbar waren die Menschen doch nicht die Egoisten und individuelle Nutzenmaximierer, wie man befürchtet hatte. Ausnahmen bestätigten die Regel.
Kinder wie Eltern und viele Arbeitende waren erleichtert, dass das viele Rennen, Hetzen, Kommunizieren auf allen Kanälen plötzlich zu einem Halt kam. Das ganze Lebenstempo verlangsamte sich, viele Menschen konnten durchatmen. Ungewohnte Langeweile setzte ungeahnte Kreativität frei. Vielen in der Arbeitswelt dämmerte es: so viele Termine braucht kein Mensch. Das Homeoffice ist viel stärker machbar, als es bisher praktiziert wurde-und führte sogar zu höherer Arbeitsqualität und -effektivität. Viele Konferenzen wurden nicht vermisst und man fragte sich, warum man darin früher so viele unnötige Stunden abgesessen hatte.
Überraschenderweise waren viele Menschen zu Hause und gingen sofort ans Telefon, wenn man sie anrief. Lange telefonieren wurde wieder Kult: viele stellten fest, dass das eine ganz andere Qualität hatte als die sozialen Medien. Kontakte zu alten Freunden wurden wiederbelebt. Es entstand fast ein Hype ums Spazierengehen, selbst bei Jugendlichen, die vorher nicht gewusst hatten, was das war und warum man das machen sollte. Viele traf die Erkenntnis überraschend: gar nicht weit weg von uns sind Wälder!
Im Fußballstadion herrschte eine unglaubliche Freude, dass man die eigene Mannschaft wieder anfeuern konnte. Die Kritik an den Profis, die nicht bereit gewesen waren, auf einen Teil ihrer Millionengehälter zu verzichten, war allerdings auch verbreitet.
Für viele Menschen war Fußball leider eine willkommene Abwechslung angesichts der noch andauernden schweren Wirtschaftskrise, von der insbesondere Deutschland als Exportweltmeister betroffen war. Über die „schwarze Null“ für den Bundeshaushalt, die vorher viele notwendige Investitionen blockiert hatte, sprach niemand mehr. Wohl aber über die Folgen der schweren Finanzkrise. Es hatte sich gerächt, dass die Finanzmärkte nach der Krise von 2008 nicht reguliert worden waren. In Ländern, die auf eine private Rentenvorsorge gesetzt hatten, war die Altersarmut deutlich gestiegen. Die Riester-Rente wurde deshalb offiziell begraben. Die Grundsicherung für Arbeitslose und der Mindestlohn wurden deutlich erhöht, Hartz IV mit seinen Sanktionen abgeschafft. Und allen war sehr deutlich geworden, dass die Ökonomisierung des Gesundheitswesen mit Fallkostenpauschalen, dem Abbau von Kliniken und Krankenhausbetten und die schlechte Bezahlung der Pflegenden zu falschen Entwicklungen geführt hatte, die schließlich Leben gekostet hatten.   
Eine andere wichtige Erkenntnis: Nicht die Anwendung digitaler Technik, sondern der soziale Zusammenhalt, humane statt künstlicher Intelligenz war der Schlüssel zum Beherrschen der Probleme gewesen.
Viele waren in der Krisenzeit in die Kirchen gegangen und beteten dort, ein ungewohnter Anblick. Erstaunlicherweise waren Gottesdienste vermisst worden, auch von denen, die höchstens zu Weihnachten eine Kirche betreten hatten. Die Kirche hatte vielen ein Gefühl von Gemeinschaft gegeben, aber die Anfragen nach dem Einsatz der Kirchen für eine humane Gesellschaft und die Kritik an überkommenen Strukturen hatten sich dadurch noch verstärkt.  
Ob der Bewusstseinswandel in den verschiedenen Feldern nachhaltig ist, muss sich 2025 erst noch zeigen. Nachdem die Menschen die radikalen Maßnahmen bei Corona erlebt haben, hat sich der Druck auf die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft verstärkt, dies auch auf anderen Feldern zu tun: z.B. Geflüchtete aufzunehmen statt sie im Mittelmeer ertrinken zu lassen und den radikalen Umbau der Gesellschaft wegen der Klimazerstörung endlich zu beginnen.

So ist das im Jahr 2025. Vielleicht wird es auch ganz anders sein. Das Schöne ist: wir haben noch in der Hand, wie wir in einigen Jahren über die jetzige Gegenwart sprechen werden. Sollten Sie gerade Zeit haben: Machen Sie sich doch auch ein paar Gedanken! Es kann nicht verkehrt sein.